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Eintrag

Corinna Pummer, 4 August 2008
Peru Peru Huaraz

Farben der Heimat

24. Juli. Spannung verweilt in der Luft. Die Vorbereitungen für die kommenden Tage laufen bereits auf Hochtouren. Die Menschen kaufen roteweißrote Stoffe in unterschiedlichen Größen. An jeder Ecke, aus den meisten Geschäften oder in Form schrecklich klingender Straßenkaraoke dröhnt die Nationalhymne und viele Straßenverkäufer verdienen sich in diesen Tagen ein bisschen extra mit dem Verscherbeln von Anstecknadeln. In Erwartung und Vorfreude auf den 28.Juli (día de independencia – Staatsfeiertag, Tag der Unabhängigkeit) wird der Nationalstolz schon Tage zuvor erheblich praktiziert. Täglich erscheinen mehr Flaggen, die triumphanisch den herannahenden Ehrentag ankündigen. Ich habe beschlossen, die Festtage (ein einzelner Nationalfeiertag wäre zu bescheiden, deshalb wird von 25.7. bis zum 29.7. freigegeben) mit der Familie Herrera Laguna in Lima zu verbringen. Freitagmittag mit dem Bus 7 Stunden talwärts Richtung Hauptstadt. Unvermeidlich laufen nach einiger Zeit die Fenster an. Stallwärme entsteht. Es gibt mehr Fahrgenossen als Sitzplätze. Wer während der mehrstündigen Fahrt menschlicher Bedürfnisse nachkommen will, muss sich über die am Fußboden kauernden Menschen hanteln. Roel und ich vertreiben uns die Zeit mit dem Zählen von Nationalfahnen. Noch kamen nicht alle Haushalte ihrer nationalen, volksbewussten Pflicht nach. Vielleicht aus Bequemlichkeit oder aus mangelnder Überzeugung, wer weiß. Überwiegend einsame Landschaften ziehen an uns vorbei. Die holprige Piste schlängelt sich durch Täler, überquert Flüsse und Anhöhen, stets von den Gipfeln der mächtigen Fünf- und Sechstausendern bewacht, passiert einen Pass von über 4800 Meter, das ist der Zeitpunkt wo mitreisende Kleinkinder zum quengeln beginnen, bis sie schließlich die wüstenähnliche Landschaft der Küste erreicht und in die Panamericana endet. Vorbei an Dörfern, die im Abseits, meilenweit entfernt von belebten Zonen, ihrem Dasein driften. Entvölkert, vereinsamt und regungslos verstecken sie sich in Einbuchtungen von Felsformationen, unter knorrigen Eukalyptusbäumen oder komplett schutzlos der erbarmungslosen Sonne der Einöde ausgesetzt. Wäschefetzen über den sparsam zusammengeflickten Stacheldrahtzaun gehängt. Dazwischen die Fahnenstange, um die sich das Rotweißrot von Peru schmiegt, weil der Wind sein Spielchen mit den wenigen Ortsansässigen treibt, ihnen ihr Symbol des Nationalstolzes auf ein Minimum reduziert, sodass eine ausgezehrte Gestalt (von der Weite war schwer zu erkennen um welches Geschlecht es sich handelte) permanent mit dem Entheddern des ehrwürdigen Stück Stoffes beschäftigt war. Kleine, armselige Lehmhütten, dreckig, staubig, heruntergekommen, bemastet mit gewaltigen Fahnen und das Weiß leuchtend grell, dass man blinzeln muss, das Rot glänzend. Magnetisch werden die Blicke angezogen, stellen die auffallenden Kolorierungen die einzige Abwechslung in der sonst so monotonen und kargen Gegend dar. Ich beobachte die Geschöpfe im Gefährt. Eng aneinandergekuschelt, friedlich schlummernd oder stillschweigend ins Leere starrend, sitzen sie in der Busmitte, ihr weniges Hab und Gut zwischen den Beinen oder auf dem Schoß bewachend. Zwei Mädchen entfilzen sich gegenseitig das Haar, ein Knirps nuckelt genüsslich am Busen seiner Mutter, ein junges verliebtes Pärchen träumt sich zusammengequetscht, fest umarmt in andere Welten. Füße, Arme, Köpfe, Berührungsangst ist ihnen völlig fremd. Der Anblick erinnert an die Schlussszene von Patrick Süßkinds „Das Perfum“, wo sich alle über einander hermachen, ohne Scham und Reue. In der Metropole Lima begrüßt uns ebenso ein Fahnenmeer. Von allen Dächern winken rotweißrote Tücher. Ich denke an Österreich. Dann erinnere ich mich an meinen Aufenthalt in Arequipa/ Peru vor vier Jahren. Ein Ausflug zum Titicacasee. Was ich jetzt über mich preisgebe, katapultiert Verfasser normalerweise ins intellektuelle Out, ich tue es trotzdem, in der Überzeugung, dass niemand hier perfekt ist, und sicher jeder schon ähnliche missverständliche Erlebnisse hatte. Wir besuchten die legendären Schilfinseln der Uros, die traditionelle Insel Taquile und beim Zurückkehren in den Hafen von Puno, entdeckte ich ein Segelschiff, dachte wie immer sofort an Papa (ein leidenschaftlicher Segler), zückte meine Kamera, und bemerkte Wochen später beim Durchschauen der noch nicht digital entwickelten Fotos hocherfreut, dass jenes besagte Segelschiff die Flagge Österreichs (rotweißrot gestreift) trug. Wieder eine Weile später musste ich kleinlaut eingestehen, dass es sich zwar um ein rotweißrot gestreiftes Stück Stoff handelte, jedoch nicht quer sonder längs gestreift. Das erste Mal, dass ich mich ernsthaft mit den Nationalfarben Perus auseinandersetzte. Herzlich von der Familie in die Arme geschlossen, wurden zuerst Neuigkeiten ausgetauscht und anschließend gemütlich im Freiluftwohnzimmer (ein Tisch, abgenutzte Sesseln überdacht von einfachem Wellblech) traditionell gespeist. Plötzlich ein Geistesblitz, Betti (Mama der Familie) springt auf, stürmt ins Schlafzimmer, durchstöbert Kisten, Schachteln, Laden, findet erleichtert ein altes weißes Hemd, jetzt fehlte nur noch etwas Rotes, doch auch das war bald beschafft. Schere, Stofffetzen, das Geräusch der Nähmaschine, ruckzuck waren 3 gleiche Rechtecke zusammengefügt. Zur Vervollständigung des Kunstwerks diente ein alter halb vermoderter Besen. Roel bekam den Auftrag, aus dem antiken Stück eine brauchbare Fahnenstange zu schnitzen. Eine Stunde später wiegte sich das Glanzstück im Wind. Klar, diese Fahne konnte bei Weitem nicht das Wasser ihrer Brüder und Schwestern der Nachbarshäuser reichen, aber ihre Einzigartigkeit drückte sich in Kreativität und liebevoller Handarbeit aus. Roel Senior erklärte mir, dass es obligatorisch ist am Tag der Unabhängigkeit eine Nationalfahne sichtbar zu befestigen. Andernfalls wird eine Strafe von 200 Soles (50 Euro) verordnet. Schönes freies Peru. Felices Días Patrias! Der 28. Juli wird von zahlreichen Paraden begleitet. Im Fernsehen laufen den ganzen Tag über Dokumentationen über Peru, seine Traditionen, berühmte Personen und musikalischen Darbietungen. Von da weiß ich nun auch, dass Chile sich den Pisco als Nationalprodukt unter den Nagel gerissen hat. Der Pisco stammt gemäß peruanischen Beweisen ursprünglich aus Peru. Begründet wird diese Darlegung mit der in Peru existenten Stadt namens Pisco. Eigenrecherchen zufolge kam ich hier leider noch auf keine eindeutige Klärung. Wir sind zum Essen bei einem Onkel von Roel eingeladen. Dort werden wir mit einer Pisco-Sour Eigenkreation, gemischt mit frischem Maracujasaft empfangen. Nach dem Essen geht es so richtig los. Man will den Atem anhalten ob der nervenzerfetzenden Gesänge, die gegenseitig vorgeführt werden. Eine DVD mit erbarmungslosen Peru Schnulzen, der Karaoketext dazu, für diejenigen wie mich, die nicht bereits jedes Wort auswendig wissen. Fieberhaft wartet man als Zuschauer dieser peinlichen Situation, dass zumindest einer dem Kindergarten ein Ende setzt, aufsteht und den Stecker rauszieht. Nein, mitnichten, eine Hand wird mir entgegengestreckt, ich werde vom Onkel zum Tanz aufgefordert. Die im Kreis sitzenden Gäste klatschen unseren Auftritt ein, es gibt kein Entkommen. Ich versuche die Schritte nachzuahmen, bin mit den Gedanken weit weg, lasse alles über mich ergehen, um keine Spielverderberin zu sein und sinke erleichtert auf die Couch zurück als ich von Betti als Tanzpartnerin abgelöst wurde. Den angeschwipsten Erwachsenen scheint es regelrecht Spaß zu machen, wir Jungen denken uns unseren Teil. Ende der Zeremonie, wir verabschieden uns. In den Tagen danach klingt der Patriotismus langsam ab und Normalität kehrt wieder in das Leben der Peruaner.

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Daniela
18 August 2008

Hallo Corinna,

hab heute dein Foto und den Bericht in der Kleinen Zeitung gesehen. Gratulier dir und natürlich auch schöne Grüße von meinem Vater *g*.

Also mach so weiter. Werd dir in einem gesonderten Mail von meinem Trip in den USA erzählen.

Alles Liebe, Daniela